Copy
View this email in your browser
12. Juli 2020

Die letzte Woche habe ich in den Schweizer Bergen verbracht. Morgens lag Tau auf den Blumenwiesen, und die Bienen summten durch den Klee. Mittags picknickten wir, meine Freundin T und ich, auf dem Berg, während die Paraglider über uns hinwegschwebten. Wir kochten Aprikosenmarmelade und lagen faul über unseren Büchern auf dem Balkon. Abends redeten wir, bis über dem Tal die Sterne aufgingen. Nachts war es so still, dass mir die Stille auf die Ohren drückte.

 

Ich fühlte mich sehr erholt, als ich am Freitagnachmittag in den Zug stieg, aber ungefähr auf der Höhe von Genf war ich schon wieder im Begriff, eine To-do-Liste für die kommende Woche zu schreiben. Ich schreibe ständig To-Do-Listen, ich kann einfach nicht die Finger davon lassen. Sie beginnen aufgeräumt, mit übersichtlichem Zeilenabstand, der mich beruhigen soll, und enden in einem schrecklichen Chaos, mit jedem Millimeter Blatt beschrieben, Einkreisungen, hektischen „!!!!“-Markierungen und leider selten mehr als der Hälfte erledigt. Ich schreibe To-do-Listen, um einen besseren Überblick davon zu bekommen, von was ich mich alles stressen lassen könnte. 

Doch als ich am Freitag in der Schweizer Bahn saß und gerade mit der Anfertigung einer neuen To-Stress-Liste loslegen wollte, war das erste, was mir einfiel: "Freiluftkino". Ich konnte nichts dagegen tun, ich war wie ferngesteuert, wahrscheinlich hatte ich zu viel Bergluft geatmet. Ich wollte als nächstes wirklich "XY anrufen und Problem klären", "Interview vorbereiten" und "Essay!!!!" aufschreiben, aber alles, was mir einfiel, war "Eiskaffee!" und "Unterm Rasensprenger duschen!". Naja, und so kam es dann zu dieser total stressfreien To-Do-Liste für den Sommer, die ich hier, schön übersichtlich und mit viel Zeilenabstand, abdrucke, damit ihr sie euch an den Kühlschrank kleben könnt. Es gibt ja so viel

ZU TUN! 

– Mit ausgebreiteten Armen durch eine Blumenwiese rennen 

– Margaritas mixen (und dazu die besten Tortillachips von Gran Luchito essen)

– Heimlich Margarita in der Zoom-Konferenz trinken 

– Jazz hören im Garten der Villa Schöningen in Potsdam (Termine stehen hier

– Täglich Nickerchen in der Hängematte 

– Melonensalat mit schwarzen Oliven essen (das Rezept stammt aus Alison Romans Buch "Dining in" und geht so: Honigmelone und Rucola auf Teller arrangieren, Zitronensaft darüber träufeln, pfeffern und salzen; schwarze Oliven grob hacken und mit ein paar Esslöffeln Olivenöl mischen, den Mix über den Salat gießen)



– Beachball spielen im Park 

– Koreanisches Streetfood essen im Ngo Kim Pak auf der Kantstraße, Berlin-Charlottenburg (ich empfehle die frittierten Veggie Mandu)

– Morgens um sieben um den halben See rennen, dann reinspringen 

– Affogato! (Espresso auf Vanilleeis)

– Standup-Paddling auf dem Heiligen See (Potsdam) oder auf der Alster (Hamburg)

– NIEMALS länger als bis 18 Uhr arbeiten

– Morgens um 5 Uhr durch die Stadt spazieren und den Sonnenaufgang über den Dächern angucken 

– Eiskaffee perfektionieren – mit einer Scheibe Orange!

– Gazpacho perfektionieren – mit Honigmelone! 

– Durch ein Sommergewitter rennen, anschließend alle Fenster aufreißen und in den Regen gucken 

– Freiluftkino!

– Kirschkernweitspucken

– Unterm Rasensprenger duschen

– Auf eisfachgekühltem Kopfkissen schlafen 

– Basketballkörbe werfen nach der Arbeit

– Eine Sommer-2020-Playlist machen – zum Anhören, wenn Februar ist (auf meiner ist zum Beispiel dieser Song, dieser und dieser

– Alle diese Momente fotografieren – nur für mich, zum Angucken, wenn Februar ist 

Und wisst ihr was? Es gibt ja auch so viel 

ZU LESEN!

"Aber nur dieses eine Mal" von Tobias Premper, eine lose Sammlung poetischer, teils urkomischer, teils tragischer Notizen und Beobachtungen, hier ein paar Favoriten: 



"We were eight years in power" von Ta-Nehisi Coates. Ich wollte ein Buch lesen, das mir ein besseres Verständnis davon gibt, warum die USA so polarisiert sind und wie auf Barack Obama Donald Trump folgen konnte. Coates hat in den acht Jahren, in denen Obama Präsident war, acht Essays in der Zeitschrift The Atlantic veröffentlicht – über die Rolle der First Lady Michelle Obama, über die Angst des weißen Amerikas vor einem schwarzen Präsidenten, über die Frage, wie Reparationen an die afroamerikanische Bevölkerung für die jahrhundertelange Sklaverei und Unterdrückung aussehen könnten, über Malcolm X und die These, dass das schwarze Amerika in seiner Opferrolle festhängt und sich selbst ermächtigen müsste. Die gesammelten Essays – und dazwischen persönliche Notizen von Coates darüber, worum seine Gedanken und sein Leben im jeweiligen Jahr kreisten – ergeben ein faszinierendes, kontroverses Buch, so spannend, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. 

"Ganz nebenbei" von Woody Allen. Für alle, die immer noch glauben, der Regisseur habe seine eine Adoptivtochter vergewaltigt und die andere geheiratet. Ich gehörte bis vor kurzem auch zu diesem Lager und wollte nie wieder einen Woody-Allen-Film sehen, bis mich seine Autobiografie auf die Idee brachte, mich mal genauer mit den Vorwürfen gegen ihn zu befassen. Er nimmt in dem Buch nicht nur zu allem Stellung, sondern verweist auch auf die zahlreichen Gutachten und Ermittlungen, die alle ziemlich klar auf seine Unschuld hindeuten. Ganz nebenbei ist "Ganz nebenbei" aber nicht nur eine Lektion in Sachen Verleumdung, sondern auch eine herrliche Lektüre – Allen schreibt so lustig, wie er ist, über sein verrücktes Leben, sinniert aber auch ernsthaft über Dinge wie Anerkennung, Erfolg und Zufriedenheit, und gibt Tipps für junge Autoren. 

"The Lonely City. Adventures in the Art of Being Alone" von Olivia Laing. Eine Untersuchung der Einsamkeit aus persönlicher, gesellschaftlicher, medizinischer, historischer und künstlerischer Sicht. Ich habe gerade erst damit angefangen, bin aber schon hingerissen, zum Beispiel von Sätzen wie diesen: "What does it feel like to be lonely? It feels like being hungry: like being hungry when everyone around you is readying for a feast. It feels shameful and alarming." 

"Momo" von Michael Ende. Wurde mir vorgelesen, als ich sieben Jahre alt war, und steht jetzt auf meiner Liste an Kinderbüchern, die ich dringend wieder lesen will. Ich habe ja damals überhaupt nicht verstanden, dass die Geschichte von den grauen Herren, die die Menschen überreden, Zeit zu sparen, sie ihnen aber eigentlich nur wegnehmen wollen, tatsächlich eine Zusammenfassung von allem ist, was zählt: "Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen."
 


Noch Fragen, Ideen, Anmerkungen? 
Meine Emailadresse ist claire@cestclairette.com
Twitter
Website
Instagram
Copyright © 2020 C'est Clairette

Photo credits: Claire Beermann

Contact me at claire@cestclairette.com

Want to change how you receive these emails?
You can update your preferences or unsubscribe from this list.

 






This email was sent to <<Email Address>>
why did I get this?    unsubscribe from this list    update subscription preferences
C'est Clairette · Torstraße · Berlin 10115 · Germany

Email Marketing Powered by Mailchimp