Copy
Du willst diese Email in Deinem Browser lesen? Kein Problem!

Popkultur. Feminismus. Pommes.

14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 10. Juni 2019

Die Zeit ist jetzt.

Machtlosigkeit ist ein furchtbares Gefühl. Sie taucht in vielen Gestalten auf, gemeinsam ist allen, dass sie uns mutlos, verzweifelt und stumm zurücklässt. Und manchmal erscheint es uns angesichts erdrückender Machtlosigkeit unmöglich noch auf bessere Zeiten zu hoffen.
2019 ist einerseits das Jahr, in dem es für mich besser läuft, als ich es mir jemals hätte vorstellen können und andererseits einiges so viel beschissener ist, als ich es mir je hätte ausmalen können. Der beschissene Teil hat mit Politik, Aufgeben und Nazis zu tun. Einige rollen jetzt vielleicht mit den Augen, weil, och ne, keine Politik am frühen Morgen, aber ich glaube jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um darüber zu schreiben.
Ich wohne in Sachsen, einem Bundesland, das bei der Europawahl und den Stadtwahlen deutlich gezeigt hat, wohin das politische Barometer bei der Landtagswahl im September hin tendiert: nach ziemlich rechts. Zwar wohne ich in Leipzig, das in der ziemlich braunen politischen Landschaft von Sachsen eine liebenswerte grüne Oase ist, aber sogar hier bekomme ich mit, dass einiges schief läuft. Nicht das es bei unserer Regierung besser aussehen würde: Die SPD hat  es endlich geschafft sich selbst völlig selbst demontieren. Und das konservative Mutterschiff der deutschen Politik, die CDU, reagiert auf den Wunsch vieler Wähler nach einer besseren Klimapolitik mit absoluter Ignoranz, rastet aus, als der Youtuber Rezo es wagt, sie in einem Video zu kritisieren und reagiert dann auch absolut umsouverän mit Statements zu Meinungsregulierung bei Journalisten. Die Lösung der Partei scheint vor allem darin zu bestehen, nicht den öffentlichen Nah- und Fernverkehr auszubauen, keine CO2-Steuer einzuführen, die Autolobby auf keinen Fall zu verärgern und einen Flugtaxis-Prototyp als Antwort auf alles zu nutzen sowie (den meiner Meinung nach in einem Labor entwickelten) Philip Amthor als „Geheimwaffe“ bei der Kommunikation mit der jungen Wählerschaft einzusetzen. Und das alles, während uns der Klimawandel praktisch schon um die Ohren fliegt.

Ich bin deswegen ganz schön frustriert. Eiskappen schmelzen, Regenwälder werden abgeholzt, Nazis erleben ein Comeback und unsere Regierung regiert daran vollkommen vorbei und stolpert von einem Debakel ins nächste. Es ist frustrierend, weil es kein Werkzeug zu geben scheint, um meine Wünsche gegenüber den Regierenden Nachdruck zu verleihen. Demonstrationen bringen nichts, Petitionen bringen nichts, YouTube-Videos werden mit Forderungen nach Meinungsregulierung beantwortet und selbst der Wahlvorgang bringt nichts, solange die meisten Deutschen Ü50 daran festhalten weiter die CDU oder, noch schlimmer, lieber gleich die AfD zu wählen.
So fühlt sich also Machtlosigkeit ein: Das Tatsache, dass andere Entscheidungen treffen, mit denen man absolut nicht einverstanden ist, aber man keine Möglichkeit hat, darauf einzuwirken und gezwungenermaßen mitansehen muss, wie sich das Unglück entfaltet.
Nicht nur ich bin frustriert, viele meiner Freundinnen und Freunde sind es auch. Inzwischen reden wir eigentlich jedes Mal über Politik, wenn wir uns sehen. Das ist ein neues Phänomen, früher streiften wir tagesaktuelle politische Themen oft nur am Rande. Wir diskutieren über Wahlen, über Klimapolitik, über Sozialpolitik, über Rechte für Minderheiten und Reformen für den Arbeitsmarkt. Wir sind viele, wir sind unzufrieden und wir wollen, dass sich etwas bewegt. Was wir jetzt brauchen, ist ein Mittel, um unsere Machtlosigkeit zu überwinden.

Ich habe zu Beginn dieses Textes geschrieben, dass es uns angesichts erdrückender Machtlosigkeit manchmal unmöglich erscheint zu hoffen, dass sich Dinge zum Besseren wenden. Das ist allerdings der sicherste Weg in die endgültige Resignation. Persönlich hege ich die unumstössliche Überzeugung, dass man die Hoffnung niemals und auf keinen Fall aufgeben darf. Nur dürfen wir nicht faul auf dem Sofa rumfläzen und darauf warten, dass die gewünschte Veränderung an der Wohnungstür klopft und mit einem Zauberstab alle Probleme wegzaubert. Zu hoffen bedeutet harte Arbeit, denn manchmal erscheint alles gegen uns zu sein, wir fluchen, wir zweifeln, wir klagen an an und versinken in Tränen, bereit alles hinzuschmeißen. Und das ist in Ordnung, solange wir danach die Tränen trocken, unsere Zweifel zur Seite schieben und den Kampf wieder aufnehmen. Deswegen habe ich mich bereits vor einiger Zeit dafür entscheiden, dass Aufgeben keine Option ist. Ich will mir später nicht vorwerfen müssen, nichts getan zu haben, als es an der Zeit war zu handeln.
Deswegen, bitte, lasst uns Schluss machen mit „Das macht doch eh alles keinen Sinn mehr“ und dem Abschirmen von Problemen durch unsere noch sehr privilegierten Leben. Unsere Möglichkeiten sind beschränkt, aber es gibt welche und ich schlage vor, dass wir alle schauen, was wir leisten können. Es geht nicht darum, Medaillen zu gewinnen oder die Besten im Klimaschutz zu sein,sondern ein kleines bisschen Zeit oder Geld für einen guten Zweck zu opfern oder etwas Verzicht zu üben. Wie kann das im Detail aussehen?
  • Bei nächsten Wahl wählen gehen und euch bekannte Nicht-Wähler davon überzeugen, dass Wählen extrem wichtig ist.
  • Es gibt besonders in Ostdeutschland einige kulturellen Initiativen, die eure Unterstützung gebrauchen können, damit rechts was entgegensetzt wird. Twitter hat mich auf die diese Initiativen aufmerksam gemacht.
  • In eine Partei oder Gewerkschaft eintreten. Und wenn ihr Lust habt, vielleicht sogar selbst auf einem lokalpolitischen Niveau aktiv werden.
  • Eltern und Großeltern davon überzeugen, dass CDU keine Option mehr ist. Ich weiß, mit Familie über Politik reden, kann ätzend sein, aber ihr könnt es ja zumindest versuchen? Ich weiß von Freundinnen, dass es bei ihnen teilweise besser als gedacht gelaufen ist.
  • Generell versuchen nachhaltig zu leben. Zum Bespiele in dem wir alle viel weniger fliegen. Auch ohne Backpackung-Urlaub in Südostasien oder Yoga-Retreat in Indien können wir ein gutes Leben führen. Oder vielleicht einfach eines besuchen, dass sich per Zug erreichen lässt. Denkt daran, wir sinddie 10%, die es sich überhaupt leisten können zu fliegen und damit die Welt für die restlichen 90% verpesten.
Gelesen: Georgina Howell - Queen of the Desert. The Extraordinary Life of Getrude Bell // Susan Sontag - Notes on Camp // Kristen Roupenian - Cat Person. Stories
Angeschaut: Good Omens (Amazon Prime) // Mustang (Amazon Prime) // How To Sell Drugs Online (Fast) (Netflix) // Seinfeld (Amazon Prime)
Angehört: Joan and the Police Woman // Orville Peck // You Must Remember This

 

So kannst Du mich unterstützen

Marla & The Gang ist werbefrei. Du kannst mich aber gerne unterstützen: Zum Beispiel, in dem Du Freundinnen und Freunden auf den Newsletter aufmerksam machst. Oder mit einem Osterei in Buchform für mein Bücherregal meine Dissertation. Merci!
Danke fürs Mitlesen, das war es von meiner Seite aus. Ihr habt einen Link-, Buch- oder Filmtipp und wollt ihn mit der Gang teilen? Dann schreibt mir gerne eine Email oder hinterlasst eine Nachricht bei Facebook. Oder ihr folgt Marla & The Gang bei Instagram und hinterlasst mir dort einen Kommentar!
Wunschzettel
Copyright © 2019 Marla & The Gang, All rights reserved.


Möchtest Du meine Emails auf eine andere Weise erhalten?
Du kannst Deine Einstellung hier ändern oder Dich von der Mailing-Liste abmelden.
Email Marketing Powered by Mailchimp