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Ein 14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 21. Januar 2019
Fangen wir doch mit einer guten Nachricht an: Der deutsche Arbeitsmarkt ist in einer dermaßen guten Verfassung wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr - die Zahl der Arbeitslosen lag im Oktober 2018 unter fünf Prozent. Was Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in seiner jubelnden Pressemitteilun allerdings nicht erläutert: Wie Arbeit 2018 aussieht.
Als mein Papa sich nach seinem Studium Anfang der 80er Jahre auf Stellen bewarb, boomte die Wirtschaft, Geld quoll gefühlt aus allen Ecken und Enden. Es gab Umzugsgeld, Prämien zur Geburt der Kinder, Weihnachtsgeld, bezahlte Überstunden - alles Dinge, von denen ich nur träumen kann. Das mag heutzutage maximal noch für McKinsey-Berater und Hedge-Fond-Manager gelten. Aus der freien Wirtschaft kenne ich nur miese Gehälter für ziemlich viel Arbeit, keinen Betriebsrat, keine Tarife, alljährliche Bonuszahlungen sind natürlich an den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens sowie Erfüllung persönlicher Zielvorgaben geknüpft und das Weihnachtsgeld besteht aus einem no-name Schokonikolaus. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umsehe, dann sind viele meiner Freundinnen und Freunde mit ihren Jobs nicht zufrieden. Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen, Migräne oder Panikattacken sind die Antwort auf eine arbeitnehmerfeindliche Arbeitsumgebung. Die Frustration im Job wird mit heftigem Konsum bekämpft („man gönnt sich ja sonst nichts“) oder einer Vielzahl von Entspannungspraktiken von Yoga über Meditationsrituale. Wenn dein Job dich allerdings krank macht, kannst du so viel Yoga machen wie du willst, gesund entspannen kannst du dich nicht. Wir arbeiten also, aber die meisten von uns mögen ihren Job nicht besonders - aber angesichts steigender Mieten sowie sinkender Sozialleistungen und Renten: Was bleibt uns schon für eine Wahl?
Die Konsequenz meiner Generation aus dieser Arbeitsmisere scheint eine Optimierung des unternehmerischen Selbst zu sein. Laut dem deutschen Soziologen Ulrich Bröckling, der auch den Begriff „Unternehmerisches Selbst“ durch sein gleichnamiges Buch geprägt hat, verzweifeln wir zunehmend an der dystopischen Realität von neoliberaler Gig-Economy und Digitalisierung. Der Ausweg: eine Verbindung von Leben und Arbeit - die Verwirklichung des eigenen Selbst durch kreative Arbeit ist sozusagen ein utopische Gegenentwurf. Und so entsteht der Traum einer Karriere als Yogalehrerin, freiberufliche Grafik Designerin, professionelle Food-, Mode- oder Lifestyle Influencerin, Make-Up-Artist, Stylistin, freiberufliche Journalistin, Coach oder Cafe-/Restaurantbesitzerin. Es fängt allmählich an: Wer in seiner Freizeit gerne kocht, dem attestieren Freunde bestimmt irgendwann „Du solltest dein eigenes Café aufmachen!“. Wer gerne stickt oder strickt oder Schmuck bastelt, fängt womöglich an die so entstandenen Produkte bei etsy zu verkaufen. Wer gerne Yoga macht (und wer macht das nicht? Ich liebe Yoga!), beginnt vielleicht irgendwann hier und dort eine Klasse zu unterrichten. Und wer gerne fotografiert, stylt oder schminkt, präsentiert die Ergebnisse auf Instagram und bekommt dadurch Kooperationsanfragen von Unternehmen. Lässt sich womöglich Arbeit und Leben durch kreative Selbstverwirklichung versöhnen? Ist der Traum vom ganzheitlichen Leben, von beruflicher Alltagsromantik, der angesichts der brutalen Härte des Spätkapitalismus schon ausgeträumt schien, vielleicht doch in greifbarer Nähe? Nehmen wir doch zum Beispiel die Japanerin Marie Kondo. Wie sie in ihrem Buch „Magic Cleaning“ schreibt, hat sie bereits als Kind ihre Liebe zum Aufräumen und zur Organisation entdeckt und ihr Hobby schließlich zum Beruf gemacht. Und daraus entstand nicht nur eine erfolgreiche Netflix-Serie, sondern sogar ein globales Aufräum-Imperium.
Warum sich also nicht als als Yogalehrerin, freiberufliche Grafik Designerin, professionelle Food-, Mode- oder Lifestyle Influencerin, Make-Up-Artist, Stylistin, freiberufliche Journalistin, Coach oder Cafe-/Restaurantbesitzerin selbstständig machen? Dagegen mag sprechen, dass jeder Markt nur eine gewisse Anzahl kreativer Berufe benötigt. Und das führt dazu, dass aus dem romantischen Traum ein knallharter Wettbewerb wird. Laut Bröckling ist dies das Paradox eines jeden Erfolgsrezepts: Es funktioniert nur, wenn es kein Rezept ist und sich eben nicht alle danach richten.
Leben und Arbeit zu verbinden bedeutet, niemals wirklich Feierabend machen, sich rücksichtslos selbst auszubeuten, den äußeren Druck nach innen wenden und andauernd unter Strom zu stehen. Die wichtigste Eigenschaft wird die eigene Selbstdisziplin, da jedes Scheitern ja sich selbst zuzurechnen ist. Und wer scheitert, der kann sich wiederum den Traum von der Selbstverwirklichung abschminken. Dieser Widerspruch entfaltet eine ungeheure Mobililsierungwirkung, hält uns in Bewegung - und aus dem unternehmerischen Selbst wird auf einmal das erschöpfte Selbst. Abgesehen davon, ist dieser Lebensstil nur für eine bestimmte Zielgruppe überhaupt realistisch: Als junger Mensch zwischen 20-35 Jahren mag es vielleicht noch angehen, sich für den Traum vom eigenen Cafe, Yogastudio oder der Journalismuskarriere totzuschuften, kommt allerdings Nachwuchs auf die Welt, ändern sich bei vielen die Prioritäten und statt Selbstverwirklichung und Flexibilität stehen Stabilität im Job und gesichertes finanzielles Einkommen an oberster Stelle.
Wie oft bei komplexen Phänomen gibt es auch in diesem Fall keine universelle Lösung. Ein Anfang wäre der Ausbau staatlicher Sozialleistungen wie z.B. Sozialbau oder Unterstützung für Alleinerziehende. Und Arbeitgeber könnten versuchen durch transparente Tarifregelungen und geregelte Arbeitszeiten den Druck aus dem Job herauszunehmen. Was sich für mich jedoch bewährt hat: Ich habe es schlichtweg aufgegeben mich beruflich selbst zu verwirklichen. Natürlich will ich einen Job, der mir an den meisten Tagen Spaß macht, die Miete und einmal Urlaub im Jahr finanziert. Aber die Aktivitäten, die ich wirklich gerne mache, wie kochen, sticken, mein Engagement bei den Code Girls und ganz besonders diesen Newsletter halte ich frei von professioneller Disziplin - und bewahre mir so deren Ungezwungenheit, Spontanität und Lebendigkeit. Statt Funktionsdruck kann ich meinen Enthusiasmus entfalten und einen Gegenpol zu meiner professionellen Identität schaffen.
Und nun zu euch, liebe Gang: Da dieses Thema bereits in meinem Freundeskreis für viele Diskussionen sorgt, würde mich interessieren, wie es bei euch ist: Seid ihr mit eurem Job zu zufrieden? Träumt ihr davon, ein Hobby zum Beruf zu machen? Was sind eure Strategien gegen Ausbeutung im Job? Oder findet ihr ein paar Überstunden hier und da in Ordnung?

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