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Heute geht es um Fremde, genauer gesagt, wer ist eigentlich fremd? In diesem Newsletter beschäftige ich mich mit Fremdheit: Wer fühlt sich wann fremd? Was passiert, wenn ein ganzes Dorf gentrifiziert wird? Wie reist es sich als deutsche Frau im Iran? Und warum gibt es eigentlich so wenige Frauen in der Informatik?

 

(c) Gif gefunden bei tumblr
Wann habt ihr euch das letzte Mal so richtig fremd gefühlt? Ich am letzten Sonntag. Zusammen mit meiner Mitstreiterin Amelie stand ich am Bahnhof in Brest, Weißrussland und versuchte herauszufinden, wo unser Bus nach Kamenyuki abfahren würde. Wir waren gerause aus Minsk angekommen, wo wir die letzten vier Tage auf Einladung des Goethe Instituts Programmier-Workshops für Schülerinnen gegeben hatten. In Minsk hatten wir uns die meiste Zeit nicht wie im Ausland gefühlt: Die Stadt wirkte vage westeuropäisch-großstädtisch, die Menschen waren gut und hip angezogen, der Workshop fand auf Deutsch statt und da wir meistens in Begleitung russischer Muttersprachlerinnen unterwegs waren, mussten wir keine großen Sprachbarrieren meistern.
Bis eben zu diesem Nachmittag. Wir kamen uns sehr schlau vor, weil wir in kyrillischen Schriftzeichen auf russisch die Worte „2x Bus Tickets nach Kamenyuki“ geschrieben hatten. Amelie ging zum Kiosk, dort wurden Bustickets verkauft, und zeigte der Verkäuferin den Zettel. Die Dame zeterte auf russisch los. Amelie versuchte es erneut. Die Dame zeterte noch lauter. Sie versuchte es bei einem anderen Kiosk. Ich am Schalter für die Bahntickets. Kein Erfolg. Wir fragten weiter. Manchmal deuteten die Menschen, die wir fragten, in eine Richtung, dann in eine andere und wir liefen anfänglich noch enthusiastisch, später deutlich demotivierter in die Richtungen. Manchmal stießen wir auf eine Bushaltestelle, aber es war nie DIE Bushaltestelle. Es war kalt, mein Koffer schwer und ich müde. Es zeichnete sich ab, dass wir den Bus um 14.30 Uhr nicht schaffen würden. Mir war zum Heulen zu Mute. Endlich stießen wir auf eine junge Frau, die uns mit etwas Englisch, Google Maps sowie ihren Händen und Füßen klar machte, dass wir am vollkommen falschen Bahnhof waren und stattdessen zum 4km entfernten Busbahnhof für Überlandbusse mussten. Ich wollte sie küssen und ihr überschwänglich danken, aber leider konnte ich nur mit äußerster Dankbarkeit viermal hintereinander „spaciba“ sagen, was „Danke“ auf russisch bedeutet.
 
Als wir dann endlich am Busbahnhof ankamen, war unser Bus weg und wir mussten zwei Stunden auf den nächsten warten. Als ich so im Warteraum saß und die anderen Reisenden, die nicht mehr so gut gekleidet und kosmopolitisch wirkten wie die Menschen in Minsk, beobachtet, fühlte ich mich so fremd wie schon lange nicht mehr. Ich hatte das Gefühl in dem Raum als Ausländerin auf unangenehme Art aufzufallen. Ein Teil davon war sicherlich Paranoia, aber es stimmte: Man sah, dass ich Ausländerin war. Aber die "gute Art von Ausländerin". Ich war schließlich weiß, ich sah gut gepflegt und einigermaßen wohlhabend aus und ich besaß ein Sicherheitsnetz aus Geld in der Tasche und Notfallkontaken in Minsk. Wenn wir ratlos und verdattert vor Schildern oder Fahrkartenentwertern standen und uns auf deutsch beratschlagten, versuchten uns Leute auf russisch oder mit hilfreichen Gesten zu helfen.
Denn obwohl wir mit Koffern und Rucksäcken in Bussen durchs Land reisten, ging niemand davon aus, dass wir schmarotzende Ausländer waren. Wir waren willkommene Touristen und als solche für jeden identifizierbar. Im Gegensatz zum Beispiel zu der Sinti- oder Roma-Familie, die mit uns im Bus nach Kamenyuki saßen. Es war eine Mutter, unterwegs mit zwei Kindern. Das eine davon, ein Junge von ungefähr acht Jahren, spielte hinten im Bus auf den Rückbänken. Als sie ausgestiegen waren, erhob sich unter den restlichen Passagieren eine hitzige Diskussion auf Russisch. Alles was ich verstehen konnte, war, dass wohl gewisse Ressentiments auf Seiten unserer Mitfahrer gegenüber Sinti und Roma gehegt wurden. Amelie erklärte mir später, dass eine der Frauen behauptet habe, der kleine Junge, der hinter Amelie auf der Rückbank gespielt hatte, hätte versucht aus ihrem Rucksack zu klauen. Mit ihrer Meinung schien die Frau, den zustimmenden Blicken der anderen Passagiere nach, nicht alleine zu sein.
Ich dachte mir (und dafür schäme ich mich etwas, aber ich bin auch nur ein Mensch): Puh, zum Glück haben die nichts gegen uns. Wir waren zwar fremd, aber auf eine positive, nicht-bedrohliche Art und Weise. Die anderen, die wurden als Bedrohung aufgefasst und sahen sich mit Vorurteilen konfrontiert, mit denen ich mich zum Glück nicht rumschlagen musste. Keine der älteren russischen Mütterchen im Bus würde mich oder Amelie verdächtigen aus ihren Taschen zu klauen.Aber warum eigentlich nicht?
Zum einen natürlich, weil wir das Glück hatten, nicht wie Angehörige einer stigmatisierten Volksgruppe auszusehen. Und zum anderen, weil wir Ausländerinnen waren, aber keine Fremden.
Der Soziologie Georg Simmel schrieb 1908 in seinem Text „Exkurs über den Fremden“, einem der bedeutendsten soziologischen Aufsätze über Migration, „Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat. “ Über hundert Jahre später ist der Satz weiterhin wahr: Wir mochten vielleicht ausländisch wirken, vielleicht auch etwas fremd, aber wir waren keine Fremden. Schließlich waren wir nicht gekommen, um zu bleiben - wir reisten, zeitlich begrenzt, durch das Land und dann auch wieder ab. Wir würden mit keinem der Einwohner um knappe Ressourcen wie zum Beispiel Arbeitsplätze oder staatliche Hilfen konkurrieren. Im Gegenteil, als Touristen kurbelten wir die Wirtschaft vielmehr an. Wir mochten des Russischen nicht mächtig sein, aber wenn ich auf etwas zeige und dazu mit Geldscheinen herumwedelte, ist das eine Sprache, die global verständlich ist. Die Sinti-Familie sah sich dagegen mit den Vorurteilen konfrontiert, eben weil sie Fremde waren, die in diesem Land wohnten. Fremde, die überhaupt erst durch Vorurteile und daraus resultierender Diskriminierung und Verfolgung zu solchen gemacht wurden.

An dem Tag erzählte ich Amelie, dass ich mich schon lange nicht mehr so fremd gefühlt hatte. Ich sagte, dass es nicht unbedingt beängstigend war, aber dennoch nicht angenehm. Aber auch, dass ich es als enorm hilfreich empfand. Es tut gut, von Zeit zu Zeit daran erinnert zu werden, wie privilegiert ich eigentlich lebe. Und wie viele Menschen auf der Welt dieses Glück nicht haben, sondern in ihnen fremden Ländern landen, mit einer fremden Sprache, fremder Schrift und fremder Kultur. Deswegen ist es hilfreich, die eigene Komfortzone zu verlassen, um Empathie und Sensibilität für Fremdheit zu entwickeln. Ich denke, wenn man selbst auch nur in Ansätzen weiß, wie es sich anfühlt fremd zu sein, ist es wahrscheinlicher, dass man Mitgefühl mit denjenigen hat, die fremd in Deutschland sind. Denjenigen, die heute gekommen sind und morgen bleiben und hoffentlich irgendwann nicht mehr fremd sein werden.

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Gelesen
1. Eine etwas andere Form der Fremdheit: Hipster vs. Einheimische in der Uckermark: "Die Uckermark hat sich den Ruf eingehandelt, die Hamptons und das Long Island von Berlin zu sein, manche sagen: der 13. Bezirk. So, wie in Mitte und Prenzlauer Berg, dann Kreuzberg, dann Neukölln zunächst einzelne Galerien, Bars und Cafés die einstmals öden Straßenzüge auflockerten, bis diese immer gleichen Cafés, Bars und Galerien selbst zur Ödnis wurden, so eröffnen nun in Gerswalde genau diese Orte, die Veränderung verkünden [..] Kann ein Dorf gentrifiziert werden?"

2. Den Blick in die Ferne schweifen lassen, kann auch sehr hilfreich sein. Meine Freundin Theresa macht zum Beispiel im Moment eine kleine Reise durch die Welt und hält ihre Beobachtungen auf ihrem Blog fest: "Auf 4 bis 40 Tee Tee in Teheran" ist die Art von Reisebericht, die ich oftmals auf etablierten Blogs schmerzlich vermisse.

3. Lässt man den Blick in die Ferne schweifen, lässt sich viel Schönes entdecken. Zum Beispiel die farbenprächtige Kultur der Falleras im Süden Spaniens. Diese Kleider! Diese Frisuren! "One of the most important customs of the Fallas de Valencia is the role of the fallera—a woman elected to represent a Falla figure from her Valencia barrio, or neighborhood. Being a fallera is a commitment; most women begin their careers as early as birth—often born into fallera families that span generations—while some take up the practice later in life."
Gehört
Als Gründerin der Code Girls interessiert mich das Thema Frauen und Computer schon lange. Was ich besonders interessant finde: Bis in die 80er Jahre hinein galt Programmieren als eher weibliche Tätigkeit, dann wendete sich das Blatt dramatisch. Heute sind weibliche Software-Entwicklerinnen in der Minderheit. Warum das so ist, könnt ihr im Plan W Podcast anhören: "Was passierte in den Jahren und Jahrzehnten danach, dass Computer plötzlich zur Männersache wurden und heute Frauen eine Minderheit in der IT und in der Digitalbranche sind?"
(c) Gif aus dem Film "Hackers", gefunden bei tumblr
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xoxo, Marla

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