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Ein 14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 12. November 2018
Als ich die Grundschule besuchte, gab es drei große Trends unter uns Grundschülern: Trollfigürchen aus Kunststoff mit neonfarbenen Haar, Schnuller in allen Größen und Farben und Freundschaftsbücher. In denen konnten wir jeweils einen Steckbrief über uns ausfüllen, der von Körpergröße über Lieblingsessen bis hin zu Berufswünschen alle wichtigen Infos abdeckte. Ich habe heute zu niemanden aus meinem Freundschaftbuch Kontakt, aber dank dieses besagten Freundschaftsbuches, dass ich gestern hinterm Bücherregal wiederfand, weiß ich nun, dass Tina Sängerin werden wollte, Jessica Schauspielerin und Christina Kindergärtnerin. Genau wie die anderen 20 Mädchen, die sich in meinem Freundschaftsbuch verewigt hatten. Markus, Heiko und David dagegen wollten Polizist, Feuerwehrmann und Ingenieur werden.
Gestern habe ich mir zum ersten Mal die Frage gestellt: Wieso wollte ich eigentlich damals Sängerin werden? Weder hörte ich besonders viel Musik, noch sang ich selbst viel in meiner Freizeit und vom Alltag einer Sängerin hatte ich sehr verschwommene Vorstellungen, in denen schöne Kleider und schicke Frisuren eine große Rolle zu spielten. Im großen und ganzen stellte ich mir „Sängerin-Sein“ so vor wie ein Dauerbesuch in der Mini Playback Show.
Wieso aber gab ich nicht „Mikrobiologin“ oder „Computerprogrammiererin“ in den Freundschaftsbüchern meiner Freundinnen als Berufswunsch an? Ich variierte lediglich zwischen Sängerin, Schauspielerin und später Pferdepflegerin, so wie die Mehrheit meiner Freundinnen. Ich gehöre leider nicht zu den Menschen, die an dieser Stelle schreiben können, dass Singen, Schauspielern oder Reiten ihre Berufung ist und das bereits seit frühster Kindheit und sie deswegen heute da sind, wo sie sind, also Beyonce sind oder die Goldmedaille im Dressurreiten bei Olympia geholt haben.
Mein Beruf hat mit Digitaler Kultur, mit Code und mit Technologie zu tun und das sind Themen, mit denen ich mich erst seit sieben Jahren auseinandersetze. Als Kind wußte ich vermutlich noch nicht einmal, was ein Programmierer ist, geschweige denn, dass ich diese Tätigkeit jemals als Berufswunsch in Erwägung gezogen habe.
Als ich 2016 für unser Buch „We Love Code. Das kleine 101 des Programmierens“ recherchierte, stieß ich auf die Tatsache, dass die ersten Programmiererinnen Frauen waren. Diese Entdeckung überraschte mich, da ich zum einen Programmieren schon immer mit Männern assoziiert hatte und zum anderen ich nicht verstand, wie so etwas „vergessen“ werde konnte. Nach der Veröffentlichung des Buches wurden ich und meine Co-Autorin Julia Hoffmann in Interviews oft gefragt: „Warum gibt es so wenig Frauen in der IT?“ „Wie bekommen wir mehr Frauen in die IT?“ „Was können wir tun, damit die IT für Frauen attraktiver wird?“
Daran dachte ich, als ich durch mein altes Freundschaftsbuch blätterte. Und auch an unsere Antwort: „Es gibt zu wenig Rollenvorbilder.“ Ich denke nicht, dass das die allumfassende Antwort auf ein sehr komplexes Problem ist, bin aber überzeugt, dass es ein Teil des Problems ist.
Nehmen wir mich: Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, Mikrobiologin oder Computerprogrammiererin werden zu wollen. Es lag nicht daran, dass meine Eltern diesen Berufswunsch nicht gebilligt hätten oder meine Lehrer mich entmutigt hätten. Vielmehr schien die gesamte Gesellschaft der Meinung zu sein, dass dies kein Beruf mich ist, denn ich sah weder im Fernsehen, in Zeitschriften oder in meinen Büchern Frauen in diesen Berufen. Im Fernsehen erklärten mir Männer wie Peter Lustig oder, in „Die Sendung mit der Maus“, Christoph die Welt. In meinen beiden Lieblingszeitschriften  „Wendy“ und „Mickey Mouse“ kümmerten sich Frauen um Pferde und Beziehungen, während Mickey, Donald und Tick, Trick und Track die richtig coolen Abenteuer erlebten. Und in den Disney- und tschechischen Märchenfilmen, die ich so mochte, waren Frauen Prinzessinnen oder Frauen, die davon träumten Prinzessinnen zu sein. Niemand in diesem Universum träumte dagegen davon Programmiererin zu werden. Kein Wunder, dass ich als Mädchen mit Traumberuf eine Tätigkeit verband, bei der ich auf mein Aussehen oder auf vermeintlich „weibliche“ Eigenschaften reduziert werden würde.
Und auch in meinen persönlichen Umfeld gab es in dieser Hinsicht keine Vorbilder, an denen ich mich orientieren konnte. Meine Mutter war die einzige Mutter in meinem Freundeskreis, die überhaupt arbeitete. Die anderen Mütter, die ich kannte, waren Hausfrauen. Vielleicht hatten sie studiert, bevor die Kinder kamen, vielleicht sogar Biologie oder Informatik, aber darüber machte ich mir in meiner kindlichen Ignoranz keine Gedanken. Für mich waren sie einfach Mütter und ich verschwendete keinen Gedanken daran, ob sie jemals etwas anderes gewesen waren oder sein wollten. Die Väter, die ich kannte, meinen eigenen eingeschlossen, umgab eine mysteriöse Aura. Sie arbeiteten als Ingenieure, ein Beruf von dem ich nur wusste, das man gut in Mathematik sein musste und ich deswegen mit meiner schlechten Mathenote niemals als Ingenieurin arbeiten würde.
Und so wie ich nicht auf die Idee kam, bestimmte Berufe zu ergreifen, so kannte ich keinen Jungen, der Erzieher, Arzthelfer oder Friseur als Berufswunsch angab. Das Ergebnis? Die IT ist heute ein von Männern dominiertes Feld, über das regelmäßig Berichte über toxische Männlichkeit und Sexismus an die Öffentlichkeit dringen. In den Kitas und Kindergärten der Republik trifft man dagegen nur sehr selten auf männliche Erzieher - Kinder bekommen also vorgelebt, dass Kinderbetreuung Frauensache ist, während gutbezahlte Jobs von Männern ausgeübt werden. Ich finde das doof. Weil ich glaube, dass es vermutlich nicht nur viele Frauen gute Programmiererinnen wären, sondern auch viele Männer super Erzieher. Unsere Gesellschaft würde davon profitieren, wenn die Technologien, die wir benutzen, nicht aus rein männlichen Blickpunkten programmiert werden. Und Kinder nicht in Rollenvorstellungen gepresst werden, die für viele einengend sein können und ihnen den Blick auf viele tolle Möglichkeiten versperren.
Mein 8-jähriges Ich wäre vermutlich bedrückt darüber zu hören, dass ich nicht die nächste Whitney Houston geworden bin und stattdessen gelernt habe, Webseiten zu bauen. Aber ich bin entzückt darüber und mir sicher: Es ist besser so.
P.S. Was wolltest Du als Kind werden?
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Books, Books, Books

Dank Franziska und Juliette liegen zwei neue Bücher auf meinem Bücherstapel und ich freue mich irrsinnig darauf sie zu lesen. In "History vs. Women" von Anitka Sarkeeshian & Ebony Adams geht es um Erfinderinnen, Königinnen oder Künstlerinnen der Weltgeschichte, die bislang nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie ihre männlichen Kollegen genossen haben. Anita Sarkeeshian folge ich schon lange auf Twitter und durch Gamergate hindurch und bin definitiv Fangirl, das Buch kann ich auch sehr empfehlen!
Ganz anders ist "Everything I know about love" von Dolly Alderton, die einige vielleicht durch den Podcast "The High Low" kennen. Das Buch dreht sich um ihr Erwachsen werden, um Freunde, um Parties und ums Verlieben und alles, was ich bis jetzt davon gelesen habe, klingt so symphatisch, dass ich es kaum abwarten kann, mich in die Lektüre zu stürzen.

Links, Links, Links

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