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Ein 14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 25. Februar 2019
Ich bin mit dem folgenden Rant etwas spät dran, aber weil das Thema wichtig und Jens Spahn so furchtbar ist, kann man eigentlich gar nicht genug dazu schreiben. Vor knapp 2 Wochen habe ich mich furchtbar aufgeregt. Am Morgen las ich auf zeit.de, dass Ungarns Präsident Orban, ein rechter Populist wie er im Buche steht, die karnickelartige Vermehrung seiner eigenen Bevölkerung als Werkzeug im Kampf gegen Migration propagiert: Frauen bekommen anlässlich ihrer Hochzeit einen Kredit. Mit der Geburt jedes Kindes sinkt der Anteil, den sie zurückzahlen müssen. Und ab Kind Nummer vier entfällt die Rückzahlung sogar komplett. Unter anderem begründet Orban seinen Plan damit, dass Migration zu „Gewalt gegen Frauen führe", deswegen schlecht sei und die Bevölkerung deshalb nur organisch wachsen soll. Die Vergangenheit hat uns allerdings bereits gezeigt, dass solche Pläne meist mit einer Menge (kriegsbedingter) Gewalt gegen Frauen (und Männer und Kinder) führen.
Ich brodelte schon leicht, nachdem ich das gelesen hatte und fragte mich einmal mehr, in was für einer Welt wir eigentlich leben. Ein hervorragender Gemütszustand, um anschließend von Jens Spahns neuestem Geniestreich zu lesen: Fünf Millionen Euro bekommt dieser Mann für eine Studie, um seelische Nachwirkungen bei Frauen zu untersuchen, die abgetrieben haben. Seine offensichtliche Hoffnung dahinter: Die seelischen Nachwirkungen als so erheblich vorzufinden, dass Abtreibung fragwürdig wird. Fünf Millionen Euro also, die Deutschland anscheinend nicht besser investieren kann, als in eine umstrittene Langzeitstudie eines populistisch-konservativen Abtreibungsgegners. Wir schreiben zwar das Jahr 2019, trotzdem fühlt sich an wie 1950, da die deutsche Politik anscheinend nichts Besseres zu tun, als Abtreibungen um jeden Preis zu tabuisieren und strafbar zu machen.
Jens Spahn will verhindern, dass Frauen abtreiben, sich aber gleichzeitig nicht damit auseinandersetzen, wo und wie Frauen gebären. Und erst recht nicht, was aus der Frucht unseres Leibes dann wird. Er schlägt damit in die Kerbe aller konservativen Abtreibungsgegner, die „Leben - ja bloß schützen! Um jeden Preis! Kostbarste wo es gibt! Familienwerte!“ fordern, aber gleichzeitig überhaupt kein Problem damit haben, den Sozialstaat auszuhöhlen und damit Ausgaben für dieses schützenswerte Leben zu minimieren. Fangen wir von vorne an: Ungeborenes Leben soll um jeden Preis zur Welt gebracht werden. Aber wo? In letzter Zeit mussten Krankenhäuser auf Grund von Personalmangel schwangere Frauen abweisen (ganz abgesehen davon, das der Mangel an Hebammen politisch gemacht und schon lange absehbar ist). Das liegt daran, dass Geburtstationen am wenigsten Gewinn von allen Stationen in einem Krankenhaus erwirtschaften.
Also werden Mittel gekürzt.
Also gibt es immer weniger Personal.
Also kommt es zu Engpässen.
Hat das schützenswerte Leben erst einmal das Licht der Welt erblickt, fangen die Probleme erst richtig an. Viele Frauen möchten nach einer gewissen Zeit wieder arbeiten gehen. In den meisten Städten gibt es eine Unterversorgung mit angemessenen Angeboten zur Kinderbetreuung wie Kindergarten- oder Kitaplätze. Ich denke, dass alle Eltern unter euch davon ein Lied singen können. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird außerdem dadurch erschwert, dass in heterosexuellen Paarbeziehungen in der Regel der männliche Partner mehr Gehalt zu Verfügung hat. Das führt dazu, dass viele Frauen den Großteil der Elternzeit nehmen und selbst nach ihrem Wiedereinstieg ins Berufsleben nur in Teilzeit berufstätig sind. Besonders Alleinerziehende stehen angesichts mangelnder Kinderbetreung und dem Druck des Berufslebens unter enormen Stress. Dazu kommt noch ein anderes Problem, dass die Politik ähnlich wie den Hebammenmangel einfach zu ignorieren scheint: Wo sollen Familien, besonders Familien mit niedrigen Einkommen, wohnen?
Die Verwandlung Deutschlands von einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft hat dafür gesorgt, dass sich die meisten Jobs in Städten konzentrieren. Seit Jahren steigen in allen deutschen Großstädten die Mieten, was wiederum zur Folge hat, dass oft beide Partner berufstätig sein müssen. Kommen dann noch Kinder ins Spiel, steigt das Bedürfnis nach mehr Wohnraum, aber das bedeutet auch höhere Miete. Bislang wird vom Staat viel zu wenig in sozialen Wohnungsbau investiert, um ausreichend erschwinglichen Wohnraum zu schaffen.
Ein letzter Punkt noch über den Jens Spahn vermutlich nicht nachgedacht hat: Kinder werden erwachsen. Und wir sehen aktuell wieder einmal, wie ernst die Politik Heranwachsende nehm: Die Proteste von Schülern gegen den Klimawandel werden abgetan oder in Verschwörungstheorien umgemünzt, dabei hat die Generation jedes Recht, gegen Klimawandel zu demonstrieren - sie müssen schließlich in der Welt leben, die jetzt vermurkst wird.
Wer sich ähnlich wie ich aufregt und gerne was ändern möchte, dem sei schon einmal diese Petititon ans Herz gelegt. Herr Spahn hat bislang noch nicht darauf reagiert, deswegen können mehr Unterschriften nicht schaden. Und ganz generell sollten wir einfach alles in unserer Macht stehende unternehmen, um dafür zu sorgen, dass Abtreibungen in diesem Land straffrei bleiben und möglich sind und gleichzeitig die staatlichen Struktuten ausbauen, die bei Geburt und Kindererziehung unterstützen, zum Beispiel durch Senkung der Versicherungsprämien für Hebammen, Ausbau von Geburtenstationen, mehr Kitaplätze, mehr Sozialbau und insbesonderen mehr Lohn für all die Menschen, die uns helfen, Kinder zu bekommen, sie betreuen und und sie pflegen.

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