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Ein 14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 25. März 2019
Als junges Mädchen verbrachte ich geraume Zeit damit, mir Gedanken zu machen, welche Art von Frau ich gerne sein wollte. Diese emanzipatorische Selbstreflexion maskierte nur notdürftig, dass es mir neben Girl-Power vor allem darum ging, als welche Art von Frau ich vom anderen Geschlecht wahrgenommen werden wollte.
Meine Stütze in diesem hormonell chaotischem Prozess waren die folgenden drei Instanzen: Zeitschriften wie Bravo Girl, Mädchen oder Young Miss, Filme und, ja, auch Bücher. Eher Bonus als Instanz waren meine Freundinnen, deren Einfluss schwankte, da wir alle lächerlich wenig Ahnung von Männern, geschweige den jemals eine Beziehung geführt hatten. Wir stellten vielmehr eine Selbsthilfegruppe dar, die geduldig aus Zeitschriften, Fernsehen und Büchern gepredigte Ratschläge im Feld austesteten, um der Gruppe anschließend triumphierend zu berichten: Es stimmt, Jungs mögen es, wenn man ihnen zuhört. Oder uns zähneknirschend eingestehen mussten, dass der Versuch unseren Schwarm durch strikte Nichtbeachtung zu becircen, gescheitert war. Kleiner Pro-Tip gleich zu Beginn dieses Artikels: Diese Strategie hat außerhalb von Hollywoodfilmen noch nie für irgendjemanden funktioniert. In meinem Fall kann ich nur sagen, dass die Objekte meiner damaligen Begierde vermutlich bis heute keine Ahnung von dem Ausmaß meiner Gefühle haben, da ich jeglichen Kontakt, sei es durch Blicke, Gesten oder sogar die gemeinsam physische Präsenz im gleichen Raum, pflichtschuldigst vermied, um mysteriös zu wirken.
Das führt mich gleich zum Problem meiner pubertären Paarungstänze: Die Instanzen, auf deren Navigation ich mich bei meiner Reise durch diese neue Welt der Weiblichkeit, Sexualität und Attraktivität verließ, verwirrten mich gerne durch äußerst widersprüchliche Ratschläge.
In Rom-Coms wie dem in meiner Teenagerzeit äußerst populären Meisterwerk „Wie werde ich ihn los in 10 Tagen“ zementierte Hollywood eine eindeutige Botschaft in unsere Köpfe: Männer wollen keine Zicken! Männer wollen keine Klammeraffen! Männer wollen lieber unkompliziert!
Also eine coole Frau, die mit ihnen Bier trinkt, Burger und Pommes isst, Fußball schaut und sich nicht über vermeintliche Chauvi-Kommentare aufregt. Achso, und übrigens diese Frau sieht pi mal Daumen aus wie eine junge Kate Hudson. An dieser Stelle muss ich neidlos anerkennen, dass Kate Hudson wunderschön ist. In dem Film hat sie ein Lächeln und eine Ausstrahlung, auf die selbst Aphrodite neidisch wäre.
Doch sogar Kate Hudson muss eine Menge Arbeit investieren, um auszusehen wie Kate Hudson: Ihre Charaktere auf der Leinwand mögen Fast Food essen, rauchen, Bier trinken und sich jeglichem Sport verweigern, aber in Realität überwacht sogar die mit bereits sehr guten Genen gesegnete Kate Hudson ihre Ernährung und betreibt ein striktes Sport-Regime (aus dem ein Imperium für Sportbekleidung entstanden ist.) Als 14-jähriges Mädchen wusste ich das nicht. Ich hatte keine Ahnung von Pilates, Haarextensions, Wimpernextensions, Bronzer, Atkins-Diät und Fruchtsäure-Peelings. Und stand damit vermutlich auf einer Ebene mit dem männlichen Geschlecht, die solche Frauen präsentiert bekamen und ebenfalls nicht die Arbeit sahen, die hinter der sexy Frau zum Pferdestehlen steckt.
In den Büchern, die ich las, wurde dagegen ein anderer Frauentyp propagiert. Weder Anna Karenina noch Scarlett O’Hara würde ich als unkompliziert beschreiben. Im Gegenteil, Anna Karenina ist emotional, fordernd und manchmal auch dramatisch in ihren Stimmungsschwankungen und Scarlett eine waschechte Narzisstin, die Romantik noch nicht einmal erkennen könnte, wenn sie ihr vor die Füße fallen würde.
Scarlett ist aber genau wie Anna auch Opfer ihrer eigenen Selbstaufopferung auf dem Altar der Liebe: Jede nachlässig hingeworfene Brotkrume an Aufmerksamkeit und Zuneigung des Objekts ihrer Begierde stellen die beiden über alles - Freunde, Familie und generell soziale Beziehungen. So stehen sie am Ende ohne Support-System da, als ihre toxische Beziehungen ihnen um die Ohren fliegen. Ihre Lösungen: Scarlett wendet sich dem Alkohol zu, Anna Karenina wirft sich vor einen Zug. Was ich hier mitnahm: Bitte auch schön mysteriös und verführerisch sein!
Jugendzeitschriften wie Bravo, Bravo Girl oder Mädchen, mit ihren unzähligen Tipps und Tricks zur Selbstoptimierung meines jugendlichen Mädchenkörpers, waren vielleicht die mit Abstand verwirrendste Instanz: Oberste Regel war, dass niemand eine „Schlampe“ sein oder für eine gehalten werden wollte. Es hieß also aufpassen, in Bezug auf die Tiefe des Auschnitts, des Make-Up oder des eigenen Balzverhaltens. Schließlich wollte keine von uns als „leicht zu haben“ gelten. Der Punkt, an dem es allerdings verwirrend wurde: Die Ratschläge und Outfitvorschläge von Bravo Girl & waren widersprüchlich. So sollte ein Mädchen sich ruhig sexy anziehen und auch sexy verhalten, aber gleichzeitig auch unkompliziert, sexuell nicht zu promiskuitiv und auf gar keinen Fall eine Schlampe sein.
Deswegen war zumindest ich keinen Deut schlauer als vor der Lektüre: War ich also schuld, wenn ich ein enges Top trug und von einem Typen bedrängt wurde? Trug ich aber ein enges Top und fiel meinem Schwarm auf, war der Einsatz von Sexiness wiederum in Ordnung? Wie sollte es mir nur gelingen, zur gleichen Zeit keusche Asexualität und die Verführungskraft eines Vamps ausstrahlen?
Die Lösung war, wie bei vielen Mädchen, dass ich mich unsicher in meinem Körper und meiner Weiblichkeit fühlte, meinen Körper lieber versteckte als ihn zu akzeptieren und meine Ansichten und Meinungen manchmal lieber für mich behielt, um nicht als „kompliziert“ zu gelten.
Ich bin mittlerweile Mitte 30 und würde nicht behaupten, dass ich in Bezug auf Beziehungen oder das andere Geschlecht sehr viel schlauer bin. Damit stehe ich anscheinend nicht alleine da, wenn man die Fülle an Dating-Apps, Datingratgebern und Paartherapeuten anschaut. Eine Sache weiß ich aber mit absoluter Sicherheit: Welche Art von Frau ich sein will. Ich will Ansprüche und Meinungen haben und die möchte ich gefälligst auch mitteilen können, anstatt Babysitterin für fragile Egos zu spielen. Außerdem möchte ich meinen Körper für mein eigenes Vergnügen ankleiden und schminken und nicht für männliche Blicke. Das erscheint mir sowieso sinnlos, seit ich vor Jahren bemerkt habe, dass viele Männer es nicht einmal bemerken, wenn Frau Mascara, Lidstrich, Rouge, Highlighter und Augenbrauenstift trägt - die denken, wir sehen tatsächlich von Natur aus so aus.
Laut Hollywood, Literatur und gesellschaftlichen Schönheitsidealen macht mich das zu einer äußerst unbegehrenswerten und komplizierten Frau. Ich denke dagegen: So bin ich nun einmal und das ist ok.

Comeback des Jahres: Charles Manson


Charles Manson ist zwar bereits 2017 gestorben, das Leben des Sektenführers scheint Hollywood aber mehr denn je zu begeistern. Ganz vorne mit dabei: Quentin Tarantinos neuer Film "Once Upon a Time in Hollywood". Der Trailer wurde diese Woche veröffentlicht und checkt alle Kästchen im Tarantino-Bingo: Fetziger Song? Yes! Gesichter, die man bereits aus anderen Tarantino-Filmen kennt? Yes! Popkultur? Sowas von Yes! Samuel L. Jackson? Bedauerlicherweise Nein. Zumindest im Trailer. Ich bin sehr gespannt!
Eine weiblichere Perspektive auf die Manson-Morde scheint der der Film "Charlie Says" bieten zu wollen, zumindest wirkt der ziemlich düstere Trailer, als ob sich der Film auf die weiblichen Anhängerinnen und ihre Motive konzentriert. Ich fände das spannend und hoffe, dass der Film auch bald in deutschen Kinos zu sehen ist.
Zur Einstimmung empfehle ich euch den Podcast "You Must Remember This", der in zehn Episoden die Morde der Manson-Sekte beleuchtet. Perfekter Mix aus True Crime, Popkultur und Zeitgeschichte - ich habe die ersten drei Folgen in einem Rutsch gehört. Die einzelnen Episoden gibt es zum Beispiel bei spotify oder iTunes.

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