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Popkultur. Feminismus. Pommes.

14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 16. Juli 2019

Zusammen ist man weniger alleine?

Es ist allgemein akzeptierter Dinge zusammen zu unternehmen als alleine (außer dem höchst unsozialen Akt der Toilettennutzung). Man geht zusammen ins Kino, ins Cafe und Pizza essen und fährt gemeinsam in den Urlaub. Gemeinsame Freizeitaktivitäten sind Teil des sozialen Kitts, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, denn zusammen ist man weniger alleine oder so.
Ich habe allerdings in den letzten Jahren damit begonnen Dinge alleine zu tun. Es fing ganz harmlos an, mit einem Kinobesuch in Porto. Ich arbeitete dort, kannte aber niemanden und hatte die Schnauze voll davon, abends alleine in meinem Zimmer (ohne Internetverbindung - sic!) zu hocken. Und im Kino lief der neue Harry Potter! Zurück in Deutschland hatte ich Gefallen am alleine ins Kino gehen gefunden. Zum einen verströmte es eine gewisse mysteriöse Romantik. Und zum anderen konnte ich spontan Sonntag nachmittag entscheiden, dass ich einen Film sehen wollte, mich aufs Fahrrad schwingen und 20 Minuten später im Kinosaal sitzen. Null Freizeitstress aber all das Vergnügen sozusagen. War ich mir am Anfang noch fehl am Platz vorgekommen, ungeschützt den Blicken der anderen Besucher ausgesetzt, so merkte ich mit der Zeit, dass ich nicht einmal mehr den Schutzmantel eines Buchs oder Smartphones bis Filmbeginn brauchte. Meiner Meinung nach ist Kino die Einsteigerdroge. Denn, wen man ehrlich ist, braucht man wirklich keine Begleitung für Kino (außer man geht zum Händchen halten und Knutschen hin): Es ist dunkel, man möchte sich auf die Handlung konzentrieren und über das Geschehen auf der Leinwand darf man sich nur unterhalten, wenn man Nerven genug hat, den Zorn anderen Kinobesucher und deren stetig aggressiveres „Schhhhhhhhhh!“ auszuhalten.
Das nächste Level ist ein Cafe-Besuch alleine. Das schöne am alleine ins Café gehen ist, dass man ungestört alle anderen beobachten kann, ohne sich auf eine Unterhaltung konzentrieren zu müssen. Ich mag es ganz gerne, mit einem Buch im Café vor einem fetten Stück Torte zu sitzen und zu lesen. Vielleicht, weil ich mir Erwachsen-Sein zu Schulzeiten so vorgestellt habe. Ich ahnte ja nicht, dass man auch als Erwachsene immer noch gehemmt ist und Angst davor hat, als Looser dazustehen, der keine Freunde hat. Was natürlich Schwachsinn ist, denn wenn ich andere Menschen alleine im einem Café sitzen sehe, denke ich nie „Diese Verlierer haben keine Freunde und alles an ihrer Existenz trieft vor Traurigkeit“, sondern meistens eher sowas wie „Wo sie nur die geilen Schuhe her hat?“
Essen gehen fand ich dagegen lange problematisch. Das mag daran liegen, dass Essen die womöglich sozialste Aktivität überhaupt ist: Familien essen zusammen, Arbeitskollegen essen zusammen, Paare essen zusammen, Freunde essen zusammen und manchmal essen sogar Familien, Kollegen, Paare und Freude zusammen - Hochzeiten, Beerdigungen, Abiturfeiern und Geburstage sind zum Beispiel beliebte Anlässe für derartige Großkonstellationen. Komisch ist auch, dass sich eine Brezel beim Bäcker holen und dann alleine im Park sitzen und Brezel essen weitaus akzeptierter scheint, als sich alleine in ein edles Restaurant zu setzen und ein 5-Gänge-Menü zu ordern. Ich gehörte jedenfalls eher zu der „Höchstens mal eine Brezel alleine im Park essen“-Gruppe an, bis eine Dienstreise nach Kiel den Wendepunkt brachte: Als echter Food-Nerd hatte ich mir es mir in den Kopf gesetzt lecker Matjes in Kiel zu essen. In der Nähe meiner Pension gab es allerdings nur ein einziges Restaurant als Essensgelegenheit und das war 20 Minuten zu Fuß entfernt. Wenn ich mir dort was zum Mitnehmen bestellte, wäre es im Hotelzimmer nur noch lauwarm. Und eigentlich wollte ich auch gerne ein Bier dazu trinken. Also setzte ich mich betont selbstbewusst an einen Tisch, kramte mein Buch über Verschwörungstheorien aus meiner Tasche (nur für den Fall, dass mein Nerd-Image sich nicht bereits jedem erschlossen hatte), orderte den Matjes mit Bratkartoffeln und versteckte mich dann hinter dem Buch. Ich dachte darüber nach, ob alleine essen, alleine ins Kino gehen oder alleine Kaffee trinken womöglich deswegen für die meisten nur zweitrangige Optionen sind, weil man sich dort nicht länger vor sich selbst verstecken kann. Besonders beim Essen gehen fiel es mir auf: Es gibt keine Unterhaltung, in die man sich flüchten kann. Anstelle ist man relativ alleine mit sich, seinen Gedanken und einem Haufen Matjes mit knusprigen Bratkartoffeln. Ein neuer, revolutionärer Gedanke schoss mir durch den Kopf: Waren womöglich die Solo-Essen, die Solo-Kinogeher und Solo-Kaffeetrinker einfach selbstbewusst und ok genug mit sich, dass ihnen ein Date mit sich am Mittagstisch nicht als sozialer Abstieg, sondern als Aktivität wie jede andere auch erschien?
Als mein Essen kam, hatte ich endlich gemerkt, dass es niemanden kümmert, ob ich alleine dort rumsitze oder nicht. Mein Stigma war von einem neuen Gefühl abgelöst worden: Des sich Gönnens.
Für alle, die es nicht wissen: Ich bin Weltmeisterin im „sich mal was gönnen“ - und ist es nicht die ultimative Gönnung, sich selbst ein geiles Essen zu spendieren? Seitdem gehe ich mittags ganz gerne auch alleine essen, wenn ich der Stadt was besorgen muss und genieße, dass ich, als superlangsame Esserin, mir so viel Zeit wie ich will dafür nehmen kann.
Ab dieser Woche absolviere ich dann sozusagen die Master-Class im „Alleine Dinge tun ohne sich alleine dabei fühlen“: Ich fahre alleine in den Urlaub und kann meine Fähigkeiten im alleine ins Kino gehen, alleine Kaffee trinken und alleine essen gehen kombinieren. Vielleicht werde ich auch ein Museum besuchen, ich werde definitiv einen Bootstrip machen, um Papageientaucher und Delfine zu beobachten und abends werde ich glücklich in meinem Bett liegen und ein Buch lesen.
Gelesen: Luckiest Girl Alive - Jessica Knoll // People in the Trees - Hanya Yanagihara // Doomsday Book - Connie Williams // Scar Tissue - Anthony Kiedis
Angeschaut: Big Little Lies Staffel 2 (Sky) // Miracle Workers (Sky) // Venom (Sky) // Mollys Game (Sky) // Stranger Things Staffel 3 (Netflix)
Angehört: Sommergefühle // Ex Hex - It's Real //  Season 1: Escaping NXIVM

 
In diesem Newsletter hatte ich euch gefragt: Wollt ihr mehr darüber wissen, wie andere arbeiten? Und die Reaktion war ein einheitliches "YAY"! Einige haben den Fragebogen bereits ausgefüllt und ich möchte die Antworten nach und nach mit euch teilen. Ihr könnt übrigens auch selbst teilnehmen, den gesamten Fragebogen gibt es hier.
Wo wohnst Du? Leipzig
Was ist dein Jobtitel? Concept Creative
Wie zufrieden bist du in deinem Job?
  X X X X X
  - X - - -
Bist Du angestellt, selbstständig, verbeamtet oder oder oder? angestellt
Wie viel verdienst Du? 3.000
Lebenshaltungskosten Miete, Internet, Handyvertrag, Netflix, Versicherungen, Fitnessstudio, Spotify, Sparen
Wie gut kommst Du mit deinem Gehalt über die Runden? Es reicht, um jeden Monat ein bisschen was beiseite zu legen, aber nicht viel.
Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche? 45
Bietet dein Arbeitgeber dir Benefits? Fortbildungen, Zuschuss für eine Bahncard und die üblichen Agentursachen - Obst, Bier, Limo...
Wie werden deine Arbeitszeiten erfasst? Wir erfassen selbst und übertragen sie dann in ein System
Ist dein Job stressig?
  X X X X X
  - X - - -
Wie würdest du dein Arbeitsumfeld beschreiben? Lautes Großraumbüro, wo immer etwas los ist. Das ist praktisch, wenn man sich mal schnell mit den Kollegen austauschen will, nervt aber wenn man mal konzentriert zwei Stunden auf eine Excel-Tabelle starren muss. Das geht dann eigentlich nur im Homeoffice. 
 
Ansonsten gibt es Obst, Kaffee und auch eine Tischtennisplatte und ein Bällebad :D 
Was ist dir bei einem Job wichtig? Selbstverwirklichung und "etwas sinnvolles tun" - aber bitte mit fairer Bezahlung und Weiterentwicklungmöglichkeiten

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