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Du trägst keine Liebe in Dir

Echt, eine deutsche Boyband der frühen Nullerjahre, hatten eine Reihe von Hits, welche die Hormon- und Gefühlswelt von jungen Mädchen in Wallung brachten. Ich war kein Echt-Fan, dennoch hat sich mir der Titel eines Liedes fest eingebrannt: „Du trägst keine Liebe in dir.“ In dem Lied trifft der Ich-Erzähler seine ehemalige Freundin wieder, die „immer noch verdammt hübsch anzuschauen ist“, worauf er aber nicht bauen würde - sie hat wieder mit Rauchen angefangen und sich von ihrem neuen Freund getrennt und insgesamt, so suggerieren es die Liedzeilen, ist es nicht rosig um sie bestellt. Und obwohl der Ich-Sänger es erwägt, muss er doch einen Schlussstrich unter diese Geschichte ziehen, denn sie trägt einfach keine Liebe in sich, weder für ihn, noch für irgendwann, und deswegen war es auch nicht schwer sie zu vergessen (wobei ich mich dann frage, wieso er ihr dann im Gegenzug ein ganzes Lied widmet, was für mich eher das Gegenteil von Vergessen ist, aber gut, das lassen wir einfach einmal so stehen.)
Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Liedzeile poppt mir jedesmal in den Kopf, wenn ich die vermaildaite Floskel „self love“ lese. Von Selbstliebe oder wie es jetzt cool heißt, „self love“, bin ich gefühlt umzingelt. Auf Instagram begrüßen mich mit dieser Formel circa 17 Millionen Beiträge, die meisten davon Fotos von wunderschönen Frauen, die im Bikini oder Workout-Klamotten posen und stolz ihre Körper präsentieren. Es finden sich außerdem viele inspirierende Zitate unter dem Hashtag, geschrieben in digitalen Handlettering-Fonts, unterlegt mit Bildern von Blumen und Landschaften, Zitate wie zum Beispiel „Don’t think too much. Just Do what makes you happy“ oder „Don’t force someone to change, just love them, Love is what changes us“ oder, und jetzt wird es richtig deep, weil das Zitat angeblich vom Dalai Lama kommt, „Do not let the behaviour of others destroy your inner peace“ und, wow, liebt ihr euch nicht auch schon ein Stückchen mehr?
Nicht nur auf Instagram sprießen mir die Auswüchse von dieser Liebe entgegen, es scheint ein ganzes Genre von Blogs, Blogzines und Podcasts entstanden zu sein, die Selbstliebe mit einer Portion Spiritualität und einem Schuss Lifecoaching vermischen.
Nun ist daran erst einmal nichts auszusetzen. Mit sich selbst im Reinen sein, ist ein hehres Ziel, um das Religionen entstanden sind und dass viele Philosophen zu verwickelten ethischen Überlegungen angestachelt hat. Der neuausgerufene Hype in den sozialen Medien um Selbstliebe hinterlässt allerdings einen unangenehmen Nachgeschmack bei mir. Lange habe ich überlegt, woran das liegt. Bin ich etwa zu zynisch für etwas wohlverdiente Seelenhygiene? Also fing ich an, mich genauer mit dem Konzept zu beschäftigen.

Bei Instagram wird der Hashtag #selflove gerne verwendet, um die Akzeptanz des eigenen Körpers zum Ausdruck zu bringen: „Liebe Dich, so wie Du bist!“. Daran ist erst einmal nichts auszusetzen - die fragwürdigen und diskriminierenden Schönheitsideale unserer Gesellschaft in Frage zu stellen und sich selbst zu akzeptieren, auch wenn das eigene Hinterteil sich nicht so kokett wölbt wie das von Kim Kardashian, ist vorbildlich.
Was mir an den mit #selflove getaggten Fotos allerdings auch auffiel: Von mir existieren solche Fotos nicht. Fotografien, auf denen ich wunderschön und frei lache, mit Blumen im Haar, oder in einem Blumenfeld oder im Gym, oder auf einem aufblasbaren Flamingo-Schwimmtier in einem türkisfarbenen Pool, mein Körper unverkrampft und cool in Szene gesetzt und mit diesem Hauch von Make-Up, das nicht nach einem Unfall mit einer Packung Wachsmalstifte aussieht. Empfand ich etwa keine Selbstliebe oder konnte ich sie zumindest nicht zum Ausdruck bringen? Aber waren das wirklich authentische Akte von self-love? Es erscheint mir sehr viel leichter, mein Selbst auf einem Foto zu lieben, auf dem ich makellos und fröhlich und wunderschön aussehe als auf einem, auf dem ich verschwitzt in einem unpassenden Outfit mit geschlossenen Augen und einer peinlichen Grimasse zu sehen bin. Das sind die Momente, in denen ich merke, aus welchem Stoff meine Selbstliebe gestrickt ist: wenn Fettwülste über den Jeansrand quellen, Haare aussehen wie ein Angorakaninchen, das in die Steckdose gefasst hat oder das Gesicht wie ein pickliges Schlachtfeld. Diese Momente, in denen man vor Scham im Boden versinken will, weil man sich dumm und klein und unbedeutend vorkommt und es nicht wert ist die gleiche Luft wie andere Menschen zu atmen. Momente übrigens, in denen nur die wenigstens von uns ein Selfie schießen und es unter dem Hashtag #selflove online für die Augen von Millionen Betrachtern online stellen.

Ein anderer Zusammenhang in dem selflove zum Einsatz kommt ist Seelenhygiene - viele Blogger, Online-Magazine oder Podcasts empfehlen „healthy“ Morgenroutinen zu implementieren, Zeit für Reflektion, Meditation, Yoga und ausgewogene Mahlzeiten zu schaffen, sich von ungesunden und toxischen Menschen, Objekten und Angewohnheiten zu verabschieden und generell mehr Balance im Leben zu finden. Das klingt vernünftig. Sich Zeit für sich selbst zu nehmen, ist eine gute (wenn auch nicht wirklich neue) Erkenntnis. Merkwürdig allerdings, dass man man für das Yoga extra organische und biologische Yogaklamotten braucht, für den DIY-Smoothie to-go eine 100% wiederverwertbare und abbaubare Smoothie Cup (mit extra grip) oder für die kontemplative Selbstreflexion einen Achtsamkeitsplaner (in Deutschland gebunden, aus extrafesten Leinen - vermutlich damit er all der Achtsamkeit standhält). Ist es schwerer, sich selbst zu lieben, wenn man ein ausgeleiertes T-Shirt beim Yoga trägt, das nicht explizit für die Aktivität Yoga entworfen wurde? Oder seinen Smoothie to-go in ein ausgewaschenes Marmeladeglas füllt? Tagebuch in einem schönen Notizheft führt? Diese Verknüpfung aus meistens nur notdürftig verschleierten neoliberalem Kapitalismus und Selbstliebe ist es, die mir übel aufstößt. Es scheint einen allgemeinen Druck in den westlichen Industrieländern insbesondere auf Frauen zu geben, neben den mittlerweile standardisierten Idealen von erfolgreicher Karriere und perfekter Familie auch noch das Ideal vollkommener Selbstliebe zu erreichen. Wir müssen uns lieben, so die Botschaft, egal wie unsere Körper aussehen, egal wie stressig der Alltag ist, dafür gibt uns der Markt praktischerweise auch gleich Hilfestellung in Form von Waren und Dienstleistungen, die wir konsumieren können. Und so konsumieren wir und verzweifeln, wenn es nicht klappt. Wenn wir uns trotz #selflove und Morgenroutine, Neumondritualen, gluten- und zuckerfreier Ernährung und obsessiver Selbstreflexion nicht selbst lieben. Sondern an manchen Tagen in den Spiegel schauen und uns nicht gefällt, was wir sehen. Weil wir manchmal traurig sind und nicht wissen warum. Oder PMS- und hormongebeutelt bei Kleinigkeiten in Tränen ausbrechen und uns wie fette Wale fühlen, die an Land gespült wurden.

Ich sage: Scheiß auf #selflove. Das Label #selflove mag für einige tatsächlich eine Möglichkeit zu sein, einen Weg zu finden, sich und ihren Körper zu akzeptieren, was begrüßenswert ist. Hauptsächlich aber kommt es mir wie ein Label vor, das eine vermeintliche Sprache von Selbstermächtigung benutzt, um für die zielgruppen-relevante Produkte zu verkaufen. Ich persönlich liebe mich nicht 365 Tage im Jahr, hauptsächlich, weil ich (wie ein normaler Mensch)  manchmal Fehler mache, dafür Verantwortung übernehmen muss und denke „Du Trottel! Wie konnte das nur passieren? Du bist so doof!“. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Liebe in mir trage. Konträr zu dem, was Echt singen, tragen wir alle Liebe in uns - nur manchmal versteckt sie sich. Statt sich also noch den Druck von Selbstliebe aufzuhalsen, lieber lernen, sich auch mal was Gutes zu tun, wenn man sich scheiße fühlt - #selfcare statt #selflove.

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