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Ein 14-tägiger Newsletter • von Marla Stromponsky • 12. Dezember 2018
Normalerweise, wenn ich alle zwei Wochen am Samstag oder Sonntag den Newsletter schreibe, fließen die Worte einfach so aus mir heraus. Ich habe ein ungefähres Thema im Kopf, weiß aber noch nicht, was der springende Punkt sein wird. Während ich den Text tippe, erschließen sich mir allmählich die Zusammenhänge, der Text formt sich, er nimmt Gestalt an bis er rund ist. Dann bin ich glücklich, zumindest bis die Selbstzweifel einsetzen, dass niemand diesen Text mögen wird, die ich dann aber nach einigen Minuten niederringe. Normaler Prozess würde ich sagen.
Dieses Mal war es schwierig. Ich habe drei verschiedene Texte angefangen, einen über Angst, einen über Weihnachten und einen über Konsum, aber bei allen ging es nur sehr zäh bis gar nicht voran. Es flossen keine Worte, mir wurden keine Zusammenhänge klar und vor allem verspürte ich große Unlust, auch nur ein Wort mehr zu schreiben. Also habe ich Wäsche gewaschen, auf dem Wochenmarkt Würstchen gekauft, die Wohnung gesaugt, das Bett neu bezogen, die Pflanzen gegossen, Würstchen mit Senf gegessen und dabei „The Holiday“ angeschaut und in Onlineshops gestöbert, während in meinem Hinterkopf in großen Neonbuchstaben „DU MUSST NOCH DEN TEXT SCHREIBEN UND ER MUSS WITZIG, KOHÄRENT UND INTELLIGENT SEIN!“ blinkte. Super entspannt also alles. Abends ging ich auf eine Weihnachtsfeier und beschloss, nun aber wirklich, das sich Newsletter-Text mit Weihnachten befassen wird. In der Nacht träumte ich allerdings, dass ich über Konsum und soziale Teilhabe schrieb. Gestern morgen saß ich vor einem weißen Blatt, der Cursor blinkte und ich dachte darüber nach, ob es in Ordnung ist, wenn ich zu faul bin mir eine Stulle zum Frühstück zu schmieren und stattdessen Aachner Printen esse (Hallo Mama, falls du das liest, ich habe mein Leben im Griff, es war einmaliger Ausrutscher und normalerweise esse ich immer Vollkornbrot und Käse.)
Vielleicht habe ich eine kreative Schaffenskrise. Das Jahr neigt sich schließlich mit großen Schritten dem Ende zu, ich schreibe momentan zum trillionsten Mal das Expose für meine Promotion um, was mit dem Gefühl einhergeht, akademisch überhaupt nichts auf dem Kasten zu haben, ein wissenschaftlicher Flop zu sein und generell nicht schreiben zu können. Ich bin andauernd müde, ich bin null kreativ und eigentlich sehne ich nur den 21. Dezember herbei, wenn ich in den ICE Richtung Heimat steige, dort fünf Stunden aus dem Fenster starren kann, während diese Playlist mit 22 Stunden Hits im Hintergrund tüdelt und ich angenehm halbkomatös vor mich dämmere. Zuhause, denn auch 15 Jahre nach meinem Auszug ist das Haus meiner Eltern für mich Zuhause, wartet ein voller Kühlschrank, ein voller Weinkeller, ein frisch bezogenes Bett sowie die Aussicht, acht Tage in Leggins und ausgeleierten Pullovern verbringen zu können. Es gibt nur einen unverrückbaren Termin: Jeden Nachmittag mit meinen Eltern Tee trinkend vor dem Fernseher sitzen und „Bares für Rares“ anzuschauen.
Meine Familie nimmt Weihnachten nicht furchtbar ernst. So haben wir kein standardisiertes Gericht nach Familienrezept, dass wir immer an Heiligabend essen, sondern kochen jedes Jahr nach langen Verhandlungen irgendetwas, was allen schmeckt, aber wenig Aufwand macht. Wir ziehen uns an Heiligabend zur Bescherung nicht besonders feierlich an. In die Kirche gehen wir nicht, weil wir das volle Dilemma leben, Atheisten zu sein und trotzdem begeistert ein christliches Fest feiern. Es gibt Geschenke, aber keine 400 Euro teuren Elektrogeräte oder Kaschmirpullover, sondern ein Buch, Mitbringsel von Reisen oder Socken. Wir sind eine Sockenfamilie, deswegen gelten Socken bei uns als ein ziemlich gutes Geschenk. Nach der Bescherung trinken wir ein Glas Rotwein und weil mein Papa einmal im Jahr Zigarre raucht, rauchen wir beide ausnahmsweise im Wohnzimmer, er Zigarre, ich Zigarette, und es fühlt sich großartig und falsch zur gleichen Zeit an.
Die hyperkapitalistische Konsummachine, immerhin der Motor moderner Weihnachten, versuche ich zu ignorieren. Ich muss mir kein neues Kleid extra für Heiligabend kaufen, ich will sowieso nur essen und relaxen, da tut es auch eine Leggins. Ich muss auch keine Geschenke im Wert von zwei Monatsgehältern kaufen, denn ganz ehrlich, von was soll ich dann zwei Monate leben? Meine Zuneigung zu den Menschen, die ich beschenke, bemisst sich schließlich nicht am materiellen Wert der Geschenke.
Ich merke gerade, dass ich kurz davor stehe, mit diesem Text in eine sehr pathetische Richtung abzubiegen, aber emotional nicht bereit dafür bin. Aber ich glaube, mein Punkt in diesem nicht-koheränten, semi-intelligenten, mäßig-witzigen Text ist bereits klar geworden: Weihnachten ist kein Event, kein Konsumartikel und keine Show. Weihnachten ist die Summe meiner nostalgischen Kindheitsgefühle minus die Desillusionierung des Erwachsen-Werdens. Es ist der Wunsch, sich daheim in weiche Decken zu kuscheln und verwöhnen zu lassen, der auf Bitten wie „Kannst Du bitte den Geschirrspüler ausräumen?“ und Fragen, die wunde Punkte treffen, prallt. Es ist ein Vakuum zwischen den Jahren, eine Zeitreise, köstliche Langeweile und ätzende Monotonie. Es ist der Wunsch nach Familie, Nähe und Besinnlichkeit und die Erkenntnis, dass wahre Besinnlichkeit nicht unbedingt Nähe und Familie braucht. Es ist die rauschhafte Völlerei, sich trotz drei Mahlzeiten am Tag noch leichte Zwischenmahlzeiten in Form von Resten vom Vormittag zwischen den Mahlzeiten einzuverleiben. Es ist das Verlangen nach einem leichten Salat, das einen nach drei Tagen Völlerei-Wahnsinn überkommt. Es ist das warme Gefühl, dass ich bekomme, wenn wir den Film „Der Grinch“ einschalten, weil Weihnachten nun wirklich und ganz vollständig ist.
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Ich wünsche euch, egal mit wem ihr feiert und egal, wo ihr feiert, frohe Weihnachten. Seid nicht alleine, sucht euch Menschen, die euch lieb haben und verbringt Zeit mit euren Herzensmenschen. Wenn ihr nicht wisst, was ihr schenken sollt, schenkt Zeit und schafft tolle Erinnerungen. Am Ende ist das schließlich alles, was bleibt. Esst, war ihr wollt, wann ihr wollt, ohne schlechtes Gewissen. Und wenn euch jemand fragt, warum ihr immer noch keine Kinder habt oder wann endlich das nächste Kind kommt oder warum ihr mit niemanden oder mit der falschen Person zusammen seid oder die richtige Person immer noch nicht geheiratet habt oder warum es eigentlich so dauert, bis ihr einen gescheiten Job findet, dann bleibt cool. Danke, dass ihr meinen Newsletter lest, auch an den unkreativen Tagen. Ich freue mich wie immer, wenn ihr den Newsletter teilt und weiterempfehlt und wenn ihr euch so kurz vor Weihnachten besonders generös fühlt, könnt ihr mir auch eine Kleinigkeit von meinem Wunschzettel schenken. Oder als Inspiration für eigene Wünsche und Geschenke nutzen!
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Meine Amazon-Wunschzettel

Musikalischer Jahresrückblick

Dezember ist der Monat, in dem sich die Medienlandschaft in eine rosig-nostalgisch eingefärbte Oase der Jahresrückblicke, "10 lustigsten Momente des Jahres 2018" und Adventskalender verwandelt. Ich bin kein Fan von Jahresrückblicken und lese generell auch keine. Die einzigen Jahresrückblicke, ich die mag, sind solche, welche meine persönlichen Hör-, Film- oder Lesegewohnheiten tracken. Deswegen freue ich mich jedes Jahr über meinen Spotify-Jahresrückblick, der immer wieder Überraschungen bereithält: "Dieses Lied habe ich dieses Jahr so oft angehört? War das nicht letztes Jahr?"

Links, Links, Links

Das war es von meiner Seite aus für dieses Mal. Ihr habt einen Link-, Buch- oder Filmtipp und wollt ihn mit der Gang teilen? Dann schreibt mir gerne eine Email oder hinterlasst eine Nachricht bei Facebook. Oder ihr folgt Marla & The Gang bei Instagram und hinterlasst mir dort einen Kommentar!
 

xoxo, Marla

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